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Thema Longevity
Das Antiaging-Programm des Nacktmulls
Im Kampf gegen Krebs und Alterung könnte der haarlose Nager ein Schlüssel sein.
03.03.2026 • 0 Kommentare
Nicht hübsch, aber zäh: Der Nacktmull Foto: Daniel Zupanc • Lizenz: CC-BY •
Keiner will aussehen wie der Nacktmull, aber alle beneiden ihn um seine DNA. Seine bleiche Haut liegt lose und faltig am Körper an, er besitzt ausgeprägte Schneidezähne und kleine Augenschlitze. Kurz, der Nacktmull eignet sich zum Gruselschocker. Was er uns und seinen Nagetierverwandten voraus hat: Er wird vergleichsweise uralt. Während die gewöhnliche Hausmaus kaum zwei Jahre lebt, kann ein Nacktmull über 30 Lebensjahre erreichen. Hochgerechnet auf ein Menschenalter wären das 450 Geburtstage.

Die Physiologie der Genschadenserkennung
Grund für diese unglaubliche Lebenserwartung scheint eine Variante der sogenannten cGAS-Signalbahn zu sein. Berichtet darüber haben jüngst Forschende um Professor Dr. Yu Chen von der University in Shanghai im Wissenschaftsjournal „Science“. Die zyklische GMP-AMP-Synthase (cGAS) ist ein DNA-Sensor, also ein Überwachungssystem der DNA. Er erkennt fremdes oder beschädigtes Genmaterial, das zum Beispiel durch Krankheitserreger oder Zellschäden lädiert wurde. Die cGAS löst daraufhin eine Immunreaktion aus und aktiviert bei Gefahr die Bildung sogenannter Typ-I-Interferone. Diese wiederum sind ein zentraler Faktor für die angeborene Immunabwehr.

Das Genreparatursystems des bleichen Nagers
Beim Nacktmull reagiert das System mit einer Variante. Das beschädigte Material wird nicht einfach entsorgt, sondern repariert. Dafür verantwortlich sind vier spezifische Mutationen, die Missense-Mutationen. So hat das Tier eine hocheffiziente Reparaturwerkstatt in seinem Körper, die Entzündungen, Zellalterung und Zelltod deutlich verlangsamt. Ein König der Nachhaltigkeit. Hier hofft die Forschung auf einen Meilenstein für die Menschheit im Kampf gegen Krebs und Alterung.

Der Forschungstrend Longevity
Alle wollen ein langes Leben, aber keiner will altern. Nicht nur die Wissenschaft, auch die Marktwirtschaft hat den Trend für ein langes UND gesundes Lebens erkannt. Jeder rennt der Unsterblichkeit hinterher und hofft auf eine monotherapeutische Lösung. Allerdings birgt das Experimentieren mit der cGAS-Variante in menschlichen Zellen große Risiken. Eingriffe in das hochsensible Konstrukt können bei Überaktivierung von cGAS chronische Entzündungen und Autoimmunerkrankungen auslösen. Viel hilft nicht immer viel. Und die Lösung ist, wie die Deutsche Longevity Gesellschaft erläutert, komplexer und fordert Eigenaktivität.

Der Körper des Nacktmulls – ein System voller Langlebigkeitswunder
Um aber physiologisches und soziologisches Leben und Überleben besser zu verstehen, lohnt es sich den Nacktmull und seine Strategien genauer anzuschauen. Der Nager lebt in Kolonien unterirdisch in den Halbwüsten Ostafrikas. Diese Kolonien sind wie ein Staat mit Arbeitsteilung aufgebaut – mit einer Königin, die sich fortpflanzt und Arbeitern, die in einer Art Lautsprache kommunizieren. In den Höhlen gibt es kaum Sauerstoff. Sie atmen selten und haben sehr kleine Lungen, dafür aber ein Hämoglobin, das den Sauerstoff in großen Mengen bindet. Sie kennen fast keinen Schmerz und ernähren sich von nichts als Wurzeln. Ein physiologisches Wunder, das Neid wecken könnte. Und die Forscherinnen und Forscher suchen akribisch nach der Übertragbarkeit auf uns Menschen in Sachen ewiges Leben. Faltenlosigkeit aber scheint nicht zielführend zu sein.

Die Sollbruchstelle: Kompetenzmangel bei Konfliktlösungen
Warum stirbt der Nacktmull dann doch eines Tages, wenn er (fast) keinen Sauerstoff benötigt, kaum Nahrung braucht und sich selbst regeneriert? Ganz einfach: Die Nacktmulle bringen sich gegenseitig um, bei Machtkämpfen um die Führung in der Kolonie. Das ist dann schon das Einzige, was den Menschen mit dem Nacktmull verbindet. Und jetzt ein bisschen überspitzt: Die Langlebigkeitsliste der Deutschen Longevity Gesellschaft beinhaltet Ernährung, Bewegung, Schlaf und psychisches Wohlbefinden, aber beantwortet nicht die Frage, wie wir verhindern, uns gegenseitig umzubringen. Und wer eigentlich die Rente bezahlt, wenn wir alle endlos leben?

Aber so viel kann gesagt sein: Die therapeutischen Berufe tun bestimmt mehr für Gesundheit, Wohlbefinden und sozialen Frieden als die menschlichen Nacktmull-Charaktere an den Machthebeln. Von diesem Standpunkt aus könnte man für ein qualitativ hochwertiges Leben sinnvollerweise einmal die empathische Schaffenskraft unseres Berufsstandes als Lösungsansatz unter die Lupe nehmen!

Ul.Ma. / physio.de

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